Interview mit dem Münchner Merkur

Weilheim

Wann haben Sie denn Ihren letzten Brief geschrieben?

Christoph Well: Das war gestern – eine E-Mail…

Und den letzten richtigen Brief?

Das war vor ungefähr einem halben Jahr eine Postkarte in einem Brief: zum Geburtstag der Schwiegermutter meiner Schwester. Da schreibt man keine Mail. Ein Brief ist halt doch was Sinnlicheres

Fabulieren und reimen Sie da auch manchmal so drauflos wie Mozart in seinen „Bäsle-Briefen“?

Wenn ich’s könnte, täte ich’s… Ich bemühe mich, aber da komm ich schnell an meine Grenzen – Mozart war auch darin ein großer Meister. Da merkt man, wie dieser Mensch vor Phantasie gesprüht hat. Und er wollte dem Bäsle gefallen, deshalb hat er solche verbalen Purzelbäume gemacht. Das ist ja zum Teil richtig valentinesk. Und das alles zu der Menge an Noten, die Mozart jeden Tag geschrieben hat! Und noch dazu so sauber geschrieben! Es ist mir ein Rätsel, wie einer das kann.

 Sind Ihnen die „Bäsle-Briefe“ nicht manchmal zu ordinär?

Nein. Mozart hat vom Dialekt her so ähnlich geredet, wie wir es in unserer Gegend heute tun: halb Augsburgerisch, halb Oberbayerisch, wie in Salzburg damals noch geredet worden ist. Dadurch klingt alles nicht so hart, wie es im Hochdeutschen wäre. Außerdem beschreibt Mozart doch nur die normalsten Dinge der Welt. Und es ist ja auch nur ein Nebenstrang. Für mich ist vor allem interessant, wie er das Bäsle humoristisch umwirbt.

Wenn Sie bei diesem Projekt nur lesen und gar nicht selber Musik machen – unterfordert Sie das nicht ein bisschen?

Sie dürfen das Lesen nicht unterschätzen! Die Briefe sind wirklich kompliziert geschrieben – ich hab’ lange gebraucht, bis ich das drauf gehabt hab’. Zumal sich Mozart auch nicht an unsere Rechtschreibreform gehalten hat… Nein, das Spielen geht mir in diesem Fall nicht ab. Ich genieße es, wenn neben mir diese gottvolle Musik so meisterlich gespielt wird. Was Schöneres ist nie geschrieben worden, da stimmt einfach alles, da ist jede Note genau an dem Platz, wo sie hingehört. Und durch die Briefe wird der Musikgott Mozart für mich zum Menschen. Es ist mir eine Ehre, diese Texte von ihm vorlesen zu dürfen.

Was dürfen wir über dieses Projekt hinaus von Ihnen in nächster Zeit erwarten?

Ich komme gerade vom Üben. Mein Bruder Michael und ich machen zusammen mit den Wellküren und einem anderen Bruder, dem Karl, ein Programm mit Franz Wittenbrink für die Münchener Kammerspiele: „Fein sein, beinander bleibn“, eine volksmusikalische Familienaufstellung. Da sind wir gerade am Tüfteln, Schreiben, Ausprobieren; im Februar ist Premiere. Ansonsten spiele ich gern als Trompeter und Harfenist klassische Konzerte. Das hab’ ich in den letzten Jahren etwas vernachlässigt.

 Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, dass in diesem Interview nicht einmal der Begriff „Biermösl Blosn“ gefallen ist?

Aber jetzt fällt er ja doch…

Wäre es Ihnen lieber gewesen, wenn nicht?

Nein, bestimmt nicht. Das ist ein Teil von mir und meinem künstlerischen Werdegang. Aber man muss ab und zu den Mut haben, etwas Neues auszuprobieren.Und schaun’s: Die Beatles haben schon nach zehn Jahren aufgehört. Unsere 35 Jahre waren doch eine Wahnsinnszeit. Jetzt kann und will ich mich wieder neu ausprobieren. Das kann scheitern oder gelingen – aber das wunderbare daran ist: Man bleibt lebendig.