Porträt in Kontrasten

Christoph Well würzt einen wunderschönen Flötenquartett-Abend mit einer Lesung von Mozarts unflätigen „Bäsle-Briefen“ von Renate Zauscher

Thalhausen – Mozart als Komponist, Mozart als Briefeschreiber – diese beiden Facetten eines Menschen, von dem wir vieles, aber keineswegs alles wissen, standen im Mittelpunkt eines Abends in der Weilachmühle in Thalhausen. Christoph Well, selber Musiker, Mitglied der legendären Biermösl Blosn und Bruder von Wirt Berti Well, las die neun noch erhaltenen Briefe, die Mozart zwischen 1777 und 1781 an sein „Bäsle“, Maria Anna Thekla Mozart, nach Augsburg schrieb.

Mozart hat im Laufe seines Lebens mit vielen Menschen, insbesondere mit seinem Vater, zuletzt sogar mit Voltaire, korrespondiert. Am wohl bekanntesten jedoch sind die „Bäsle-Briefe“. Es sind übermütige, durchaus auch erotische, vor allem aber deftig-derbe Schreiben; was er hier verfasste, dürfte auch damals nicht comme il faut gewesen sein.

Mozarts Verhältnis zur „allerliebsten Jungfer Cousine“ muss ein durchaus enges, vielleicht sogar intimes gewesen sein. Vom Scheißen, Furzen oder Arschlecken ist da beständig die Rede, und erst die beiden letzten Briefe aus den Jahren 1780 und 1781, in denen Mozart auch von „Ärgernissen, Kummer und Sorgen“ berichtet, klingen deutlich distanzierter.

Für den Hörer Mozartscher Musik könnte der Kontrast zwischen deren zeitloser Schönheit und der Drastik der Bäsle-Briefe nicht größer sein. Wie ist es möglich, dass der Schöpfer solcher Musik gleichzeitig eine solch überschäumende Lust am Analen und Unflätigen, am Unsinn, an skurrilen Reimereien und Wortspielen hatte? Oder durfte sich Mozart, der von früher Kindheit an unter großem Leistungsdruck stand, nur hier kindlich, vielleicht sogar kindisch geben? Wollte er sein „Bäsle“ primär unterhalten oder den gespreizten Stil damaliger Briefkultur parodieren? Eine Antwort hierauf hat Christoph Well, der die Briefe charmant vortrug, nicht versucht: Er ließ sie einfach für sich selber sprechen.

Vielleicht findet sich die Antwort aber auch in jenem so ganz anders wirkenden Teil Mozartscher Lebensäußerung: in seiner Musik. Andrea Ikker Flötistin an der Bayerischen Staatsoper München, Albena Danailova, Konzertmeisterin der Wiener Philharmoniker, Wolfgang Berg, Bratscher bei den Münchner Philharmonikern und Yves Savary, Solocellist an der Bayerischen Staatsoper, hatten für den Abend die vier Flötenquartette Mozarts ausgewählt. Das erste ist just in der Zeit entstanden, aus der die ersten erhaltenen Briefe ans „Bäsle“ stammen: 1777 in Mannheim. Klar strukturierte, von den vier Instrumentalisten mit ebenso großer Präzision wie Wärme vorgetragene Schönheit hier – und die Freude an deftigen Späßen und Unsinn da: Gegensätze, die sich der Deutung letztlich entziehen. Die Spannung, die in diesem Gegensatz liegt, teilte sich unmittelbar auch dem Publikum in der voll besetzten Weilachmühle mit. Es dankte mit viel Applaus und wurde zuletzt mit einer Zugabe belohnt, bei der auch Christoph Well zur Querflöte griff. – Parallel zur Aufführung in Thalhausen ist eine CD mit Mozarts Flötenquartetten und der Lesung der Bäsle-Briefe in voller Länge entstanden. Sie ist vom kommenden Frühjahr an erhältlich.