Ungeniert deftig

Christoph Well ist von Mozart als Schöpfer göttlicher Musik und als Verfasser der Bäsle-Briefe gleichermaßen fasziniert. Das Publikum im Barocksaal des Klosters Indersdorf auch – Von Renate Zauscher

Wer eigentlich war Mozart? In erster Linie natürlich der Schöpfer großartiger Musik. Aber dann gibt es auch noch jenen anderen Mozart: den Verfasser der berühmten, derb-drastischen Bäsle-Briefe, die er als ganz junger Mann an seine Cousine Maria Anna Thekla Mozart in Augsburg schrieb. Die Frage, wie sich das Bild des Komponisten mit dem des Briefschreibers zur Deckung bringen lässt, hat viele Forscher beschäftigt. Ihr gehen auch das „Bäsle-Quartett“ und Christoph Well auf ihre Weise nach. In einem gemeinsamen Programm, bei denen Mozarts vier Flötenquartette aus den Jahren 1777 bis 1781 gespielt werden und Well aus den gleichzeitig entstandenen neun Bäsle-Briefen liest, begeisterten sie am vergangenen Donnerstag in einer Veranstaltung der Volkshochschule das Publikum im Barocksaal von Kloster Indersdorf.

Gerade in der direkten Gegenüberstellung von Mozarts Musik und seinen Bäsle-Briefen zeigt sich die Komplexität seiner Persönlichkeit. Das Bäsle-Quartett, bestehend aus Andrea Ikker, Flötistin an der Bayerischen Staatsoper München, der Geigerin Ulrike Collins, Konzertmeisterin der Münchner Symphoniker, sowie Wolfgang Berg, Bratscher bei den Münchner Philharmonikern und Yves Savary, Solocellist an der Bayerischen Staatsoper, interpretierte in Indersdorf Mozarts Flötenquartette mit ebenso großer Spielfreude wie Professionalität: Musik, die wunderbar zur Architektur des Aufführungsortes passte und deren Wirkung durch die hervorragende Akustik des Barocksaals noch gesteigert wurde. Überbordende Lebensfreude drückt sich in der Musik des 21-jährigen Mozart aus, die dann aber im Lauf der nächsten drei Jahre Veränderungen hin zum älteren, erwachseneren Mozart spüren lässt.

Sprühend vor Einfällen und Sprachwitz sind auch die Briefe an das 18-jährige „Cousinchen“ in Augsburg, mit dem Mozart eine spürbar erotische Beziehung verband. Daneben aber gibt es diese mit dem Sprachgebrauch früherer Zeiten nur schwer erklärbare, geradezu pubertär wirkende Lust an derben Fäkalausdrücken: Ungeniert schreibt Mozart da vom Scheißen, Furzen oder Arschlecken. Trotz aller Gegensätze zwischen Mozarts Musik und seinen schriftlichen Äußerungen gibt es aber auch Gemeinsamkeiten: Die Freude am Rhythmus, am Reimen, an spontanen Einfällen und am Durchdeklinieren eines Themas in immer neuen, unterschiedlichen Variationen. Was Christoph Well an Mozart fasziniert, sind gerade die scheinbaren Widersprüche zwischen dem Schöpfer „göttlicher Musik“ und den Briefen, die diesen als durchaus „geerdeten Menschen“ zeigen, der die Cousine mit seinen derben Späßen beeindrucken und vielleicht auch provozieren wollte.

Die Lesungen der Bäsle-Briefe sind aber nur ein kleiner Teil von Wells Berufsleben, das seit dem Auseinandergehen der legendären „Biermöslblosn“ deutlich facettenreicher geworden ist. Ja, natürlich gebe es da Wehmut, dass es die Gruppe mit den Brüdern Hans und Michael in dieser Formation nicht mehr gibt. Aber alles, sagt Stofferl Well, habe eben seine Zeit, und auch wenn die dreieinhalb Jahrzehnte der Biermösl-Auftritt eine „wahnsinnig schöne Zeit“ gewesen seien, so wolle man irgendwann wissen: „War’s das jetzt im Leben – oder steckt noch mehr in mir drin?“

Jetzt entdeckt Stofferl Well, was tatsächlich noch alles in ihm steckt: Als Motorradfahrer, der fürs Fernsehen das musikalische Bayern erkundet, als Verfasser von Radiosendungen, Mitglied der „Wellbrüder aus dem Biermoos“ mit den Brüdern Michael und Karl oder in der sechsköpfigen Formation der „Well-Geschwister“ zusammen mit den „Wellküren“ und Mutter Gertraud Well. Mit den höchst erfolgreichen Auftritten in dieser Gruppierung, sagt Well, „kommen wir zu dem zurück, was uns die Eltern mitgegeben haben, zu den Erfahrungen, die wir als Kinder gemacht haben“.

Die allem zugrunde liegende Erfahrung ist die der Freude am eigenen Musizieren. Und so ließ es sich Stofferl Well auch in Indersdorf nicht nehmen, zum Schluss selber noch zum Instrument – in diesem Fall zu Flöte und Trompete- zu greifen, und in einer Zugabe als Solist zu brillieren.

28. Januar 2013 Kloster Indersdorf