Christoph Well und das Bäsle-Quartett im Salzstadl

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Oder: Wer war eigentlich Mozart? von Claudia Hagn

Wer war er, dieser Mozart? Dieser joannes Chrysostolus Mozart, dessen Konterfei auf Schokokugeln thront und dessen Name meistens als erstes kommt, wenn es um klassische Musik geht? Vor rund 250 Jahren hat er gelebt – sich ihm und seinem Wesen anzunähern geht über seine Kompositionen, aber auch mit Hilfe seiner Briefe. Die schrieb er, mal mehr, mal weniger fleißig, zum Beispiel an seine Cousine. Neun Dokumente des Schriftwechsels zwischen ihm und seinem „Bäsle-Häsle“ sind erhalten, jedoch nur von mozarts Seite; was das Bäsle seinem Wolferl schrieb, weiß keiner so genau.

Neun Briefe

Was der damals 22-jährige Komponist jedoch mit der Feder aufs Papier kratzte, das kann jeder nachlesen. Oder sich vortragen lassen, wie zum Beispiel am Montagabend im Salzstadel von Christoph Well. Der las aus allen neun Briefen, im Wechsel spielte das Bäsle Quartett Mozarts Flötenquartette. Well brachte das, um was es während des ganzen Abends ging, gleich am Anfang auf den Punkt: „Es ist das Schöne, dass er göttliche Musik gemacht hat, eine Musik, die schöner nie mehr geschrieben wurde. Und in den Briefen merkt man aber, dass er dennoch ein Mensch war.“

ein mensch offenbar, der sehr, ja wenn nicht ausschließlich von seiner Verdauung schrieb. Zumindest drängt sich der Eindruck auf, wenn man den Bässe-Briefen lauscht. da geht es deftig zu, trotz all der Liebes-Schwüre, sehr derb teilweise. Mozart spricht in ausführlichster Weise davon, wie es mit seinen Darmwinden bestellt ist; vielleicht liegt das tatsächlich daran, dass – so mutmaßte jedenfalls Well ganz zu Anfang des Abends – es einfach zu viel Kraut gab im 18. Jahrhundert. Im krassen Gegensatz dazu steht seine Musik, dieses leichte zarte Schweben und sanft Perlende von Flöte, Geige, Bratsche und Cello, gepsielt von Andrea Ikker, Ulrike Collins, Wolfgang Berg und Yves Savary. Zu schade, dass die Veranstalter für das Konzert in den Salzstadel auswichen und der Abend nicht im Residenzinnenhof stattfand. Dort hätte diese leichte, sommerliche, gar zauberhafte Musik noch besser als in den Salzstadel gepasst.

Die Quartette in zahlreichen Variationen verdeutlichten nach den Briefen den künstlerischen Menschen Mozart, der auch bei den Briefen ab und an durchblitzt. Er reimt gern, er spielt mit den Worten, mit Wiederholungen, Phrasen, erzählt von seinem Leben auf Reisen und seiner Abneigung gegen Wien – wenn er eben einmal nicht über seine Verdauung schrieb.

Doch noch ein Happy End

Zart blitzt manchmal auf, wie gern er das Bäsle mochte, warum er ihr aus Wien, Salzburg und Mannheim schrieb. Nach und nach jedoch wird klar, wieso er später doch seine Frau Constanze heiratete – „es ging einfach dann nichts mehr zsamm“, die Briefe wurden seltener und unpersönlicher. Warum vom Bäsle keine Briefe mehr vorhanden sind, darüber konnte Well nur mutmaßen: „Wahrscheinlich fielen sie der innerfamiliären Zensur zum Opfer“.

Ein bisschen traurig ist es schon, dass der neunte Brief so ganz nüchtern zu Ende geht – um die Zuhörer nicht ganz desillusioniert nach Hause gehen zu lassen, griff schließlich auch Well noch zur Querflöte und stimmte gemeinsam mit dem Bäsle-Quartett einen hochzeitsmarsch aus dem Salzkammergut an, sozusagen als „Happy End“.

Selten hat man so etwas gesehen und vor allem gehört, wie am Montagabend im Salzstadel. Es geht ganz gut, sich in die Seele eines Menschen hineinzuversetzen, wenn man seine Briefe hört und seiner Musik lauscht. Das Bäsle-Quartett und Well machten ohne Zweifel eines klar: Er war ein Besonderer, dieser Mozart. Und das bei Weitem nicht nur, weil er ständig über seine Verdauung schrieb.